
Chinas Biotech-Markt – Drei Fragen an Dr. Annie Zeng
Wie gross sind der chinesische Biotech-Markt und sein Potenzial?
- Der chinesische Biotech-Markt hat heute ein Volumen von rund USD 130 Mrd. und dürfte bis 2036 auf etwa USD 250 Mrd. anwachsen. Dies entspricht einer jährlichen Wachstumsrate von rund 6 %. Damit wächst der Markt deutlich schneller als der US-amerikanische Biotech-Markt, der heute mit rund USD 250 Mrd. ein vergleichbares Volumen aufweist, jedoch lediglich im niedrigen bis mittleren einstelligen Prozentbereich wächst.
- China hat sich von einem Hersteller von Nachahmerpräparaten und Generika zu einem bedeutenden Innovationsstandort entwickelt: Rund 30% aller neuen Wirkstoffe in globalen klinischen Studien stammen inzwischen von chinesischen Unternehmen, gegenüber einem Anteil von nahezu null vor zehn Jahren. Derzeit befinden sich mehr als 1200 neue Wirkstoffkandidaten chinesischer Biotech-Unternehmen in der klinischen Entwicklung.
- Ein deutlicher Beleg für diesen Qualitätssprung ist das wachsende Interesse globaler Pharmaunternehmen an der Einlizenzierung chinesischer Wirkstoffe. Das Gesamtvolumen der Out-Licensing-Transaktionen überstieg 2026 USD 135 Mrd., wobei das durchschnittliche Transaktionsvolumen USD 1.3 Mrd. erreichte – ein Anstieg von 76 % gegenüber dem Vorjahr und rund das Sechsfache des Niveaus von 2021. Parallel dazu stieg die Zahl der grenzüberschreitenden Out-Licensing-Transaktionen von Unternehmen aus Greater China von 65 im Jahr 2021 auf 186 im Jahr 2025, was einem Anstieg um etwa das 2,9-Fache entspricht.
Warum ist die Performance so volatil und weshalb spiegeln die Aktienkurse die Stärke des Sektors nicht wider?
- Biotech-Aktien sind weltweit volatil, da ihre Kursentwicklung häufig von binären Ereignissen abhängt: Eine klinische Studie erreicht ihre Endpunkte oder nicht, ein Medikament wird zugelassen oder abgelehnt. Dies ist ein Merkmal der gesamten Branche und keine China-spezifische Besonderheit. In China kommen jedoch zusätzliche makroökonomische und regulatorische Unsicherheiten hinzu.
- Entscheidend ist weniger eine Schwäche des chinesischen Biotech-Sektors als vielmehr die Tatsache, dass die Aktienmärkte die Verbesserung der Fundamentaldaten bislang nicht vollständig widerspiegeln. Dafür gibt es mehrere Gründe:
- Alte Wahrnehmung, neue Realität: Viele westliche Investoren verbinden chinesische Medikamente weiterhin mit kostengünstigen Nachahmerpräparaten. Die Tatsache, dass globale Pharmaunternehmen Milliardenbeträge für die Einlizenzierung chinesischer Wirkstoffe aufwenden, zeichnet jedoch ein anderes Bild.
- Divergenz zwischen privaten und öffentlichen Märkten: Globale Pharmaunternehmen bewerten chinesische Wirkstoffe individuell. Investoren an den öffentlichen Aktienmärkten wenden dagegen häufig einen breiten «China-Abschlag» auf den gesamten Sektor an, wodurch Unternehmen unterschiedlicher Qualität teilweise ähnlich bewertet werden.
- Kapital fliesst in andere Bereiche: Chinesische Unternehmen aus den Bereichen künstliche Intelligenz und Robotik haben zuletzt erhebliche Aufmerksamkeit und Kapital von Investoren auf sich gezogen, während der Biotech-Sektor vergleichsweise weniger Beachtung fand.
- Im Ergebnis kann sich daraus eine attraktive Anlagechance ergeben. Die Fundamentaldaten haben sich verbessert. Dies zeigt sich unter anderem beim Wachstum, bei der Transaktionsaktivität und bei der Qualität der Entwicklungspipelines, während die Aktienkurse stagnierten oder zurückgingen. Eine Annäherung von Bewertungen und Fundamentaldaten könnte entsprechend Chancen für frühzeitig positionierte Investoren eröffnen.
Welche Katalysatoren könnten die Aktienkurse unterstützen?
- Bevorstehende Ergebnisse klinischer Studien: Zwei der wichtigsten Onkologie-Kongresse des Jahres stehen bevor – die World Conference on Lung Cancer (12.–15. September, Seoul) und der ESMO-Kongress (23.–27. Oktober, Madrid). Beide sind für die Präsentation potenziell kursrelevanter Studiendaten bekannt. Bei mehreren bedeutenden chinesischen Unternehmen stehen Ergebnisse mit potenziell hoher klinischer Relevanz an. Im Fokus: Innovent, Akeso, Kelun.
- Anhaltende Dynamik bei Lizenztransaktionen: Das Volumen der Out-Licensing-Transaktionen dürfte 2026 den Rekordwert von 2025 übertreffen. Jede weitere bedeutende Transaktion kann die Qualität der zugrunde liegenden Wirkstoffe bestätigen und eine Neubewertung des Sektors unterstützen. Im Fokus: Hansoh.
- Wendepunkt bei Profitabilität und Margenentwicklung: Chinesische Unternehmen in den Bereichen KI-gestützte Wirkstoffentwicklung und pharmazeutische Auftragsentwicklung und -produktion bewegen sich zunehmend über die frühe Aufbauphase hinaus. Umfangreiche Auftragsbestände schlagen sich verstärkt in steigender Profitabilität nieder. Im Fokus: GenScript sowie die WuXi-Unternehmen AppTec, Biologics und XDC.
- Medtech-Unternehmen erholen sich von regulatorischem Gegenwind: Nach mehreren Jahren ausgeprägter staatlicher Preissenkungen im Rahmen des volumenbasierten Beschaffungsmodells (Volume-Based Procurement, VBP) kehren ausgewählte Medizintechnikunternehmen auf den Wachstumspfad zurück. Der Effekt der Preisanpassungen nimmt ab, während höhere Absatzvolumen zunehmend zum Wachstum beitragen. Im Fokus: Mindray.
- Günstigeres regulatorisches Umfeld: Die chinesische Regierung lockert die Preissenkungen im Rahmen der National Reimbursement Drug List (NRDL) und fördert eine breitere Nutzung kommerzieller Krankenversicherungen. Beides könnte den für Pharmaunternehmen wirtschaftlich erreichbaren Patientenkreis erweitern.
- Potenzial für eine Rotation der Kapitalflüsse: Sollte die Dynamik rund um die Themen KI und Robotik nachlassen, könnten bereits moderate Kapitalzuflüsse in den derzeit vergleichsweise gering gewichteten Gesundheitssektor dazu beitragen, die bestehende Bewertungslücke zu verringern.

