ADA 2026: Von Wirksamkeit zu Therapietreue
Noch vor wenigen Jahren lautete die wichtigste Frage im Bereich Adipositas und Diabetes, ob neue Medikamente die Behandlungsergebnisse deutlich verbessern können. Auf den diesjährigen Scientific Sessions der American Diabetes Association (ADA) in New Orleans schien diese Frage weitgehend beantwortet. Stattdessen verlagerte sich der Fokus auf eine andere Herausforderung: Patienten den Zugang zu Therapien zu erleichtern, sie in die Behandlung einzubinden und sie lange genug auf der Therapie zu halten, damit sie deren vollen Nutzen ausschöpfen können.
Mehr als 12 000 Ärzte, Forscher und Branchenvertreter nahmen an der Veranstaltung teil. Bellevue Asset Managements Portfoliomanager Dr. Terence McManus sowie die Healthcare-Analysten Guy Bettschart und Lorenzo Zignani trafen sich mit führenden Ärzten, Forschern und Unternehmen, um die Zukunft der Adipositas- und Diabetesbehandlung zu diskutieren.
Ob durch wirksamere Adipositasmedikamente, besser verträgliche Therapien, einfachere Dosierungsschemata oder Diabetes-Technologien, die die Einbindung der Patienten verbessern, ein gemeinsames Thema zog sich durch die gesamte Konferenz: Die nächste Innovationsphase wird nicht nur an der Wirksamkeit, sondern auch an der Therapietreue gemessen werden.
Eli Lilly blieb die Erfolgsgeschichte der Veranstaltung. Neue Daten aus dem TRIUMPH-Programm untermauerten die Position von Retatrutid als Wirksamkeitsführer im Bereich Adipositas. Während mit höheren Dosierungen Gewichtsverluste von bis zu 30% erzielt werden können, zeigten sich die Ärzte besonders von der niedrigen 4-mg-Dosis überzeugt, die eine mit Tirzepatid vergleichbare Wirksamkeit bei weniger Nebenwirkungen und einem einfacheren Titrationsschema erreichte. Viele sehen Retatrutid inzwischen als potenziellen Nachfolger der heute führenden Adipositastherapien.
Ein weiteres zentrales Thema war das Aufkommen von amylinbasierten Therapien. Lillys Eloralintid sorgte für grosses Interesse, nachdem ein Gewichtsverlust von rund 20% bei gleichzeitig günstigem Verträglichkeitsprofil gezeigt werden konnte. Ärzte betrachten Amyline zunehmend als eigenständige Therapieoption und nicht lediglich als Kombinationspartner für GLP-1-Therapien. Das Interesse an dieser Wirkstoffklasse wurde zusätzlich durch ermutigende Diabetesdaten zu Novo Nordisks CagriSema gestützt.
Die Veranstaltung verdeutlichte auch die praktischen Herausforderungen der nächsten Phase der Adipositasbehandlung. Ärzte berichteten von gemischten Erfahrungen aus dem Praxisalltag mit oralem Semaglutid (Oral Wegovy), bei dem die Anforderungen an die Einnahme und ein langsamer einsetzender wahrgenommener Nutzen offenbar Herausforderungen für die Therapietreue darstellen. Demgegenüber zeigten sich die Ärzte optimistisch, dass eine einmal monatliche Dosierung, wie sie im Adipositasprogramm von Pfizer untersucht wird, sowie die geringere Nebenwirkungsbelastung der Amylintherapien die langfristige Therapietreue verbessern könnten.
Auch ausserhalb des Adipositasbereichs gab es positive Entwicklungen bei Diabetes-Technologien. Die CONNECT-Studie von Dexcom zeigte, dass kontinuierliche Glukosemesssysteme Menschen mit Typ-2-Diabetes, die kein Insulin verwenden, dabei helfen können, ihre Blutzuckerkontrolle zu verbessern. Diese Daten könnten eine breitere Medicare-Kostenerstattung in den USA unterstützen und damit mehr Patienten den Zugang zu dieser Technologie ermöglichen. Auch die STRIVE-Studie von Insulet lieferte starke Ergebnisse für Omnipod 5, das automatisierte Insulinabgabesystem des Unternehmens. Patienten konnten mehr Zeit im Zielbereich verbringen und benötigten weniger manuelle Insulindosen. Gemeinsam
zeigen diese Studien, wie Innovationen in der Diabetesbehandlung das Leben der Patienten verbessern und gleichzeitig langfristige Chancen im Gesundheitssektor schaffen können.
Für Investoren gehörten Eli Lilly und Dexcom zu den klaren Gewinnern der ADA. Lilly festigte seine Position an der Spitze der Adipositasinnovation, während Dexcom die wachsende Bedeutung von Technologien im Management chronischer Erkrankungen unterstrich. Die wichtigste Erkenntnis könnte jedoch sein, dass die Adipositas- und Diabetesmärkte in eine neue Phase eintreten. Die erste Welle belohnte Unternehmen, die nachweisen konnten, dass erhebliche Gewichtsverluste und eine bessere Blutzuckerkontrolle möglich sind. Die nächste Welle dürfte jene Unternehmen belohnen, die Therapien zugänglich, nachhaltig und im Alltag wirksam machen.

