Your browser is out-of-date!

Update your browser to view this website correctly.

1Cookies

2Disclaimer

ESMO 2026: Das Überleben rückt ins Zentrum

28.10.2026 - Markus Schweiger, Annie Zeng

Als eines der weltweit einflussreichsten Onkologie-Treffen brachte der Kongress der European Society for Medical Oncology (ESMO) 2026 rund 37 000 Ärzte, Forschende, Patientenvertreter und Führungskräfte aus der Industrie aus mehr als 170 Ländern nach Madrid.

Die Botschaft vom Podium war klar: Die neuesten Krebsmedikamente lassen Tumoren nicht mehr nur schrumpfen, sondern verlängern das Leben der Patienten. Sieben der zwölf Late-Breaking-Studien, die in den prestigeträchtigen Presidential Symposia des Kongresses vorgestellt wurden, zeigten einen statistisch signifikanten Vorteil beim Gesamtüberleben. Die Healthcare-Analysten von Bellevue Asset Management, Dr. Markus Schweiger und Dr. Annie Zeng, waren vor Ort und trafen Onkologen grosser Krebszentren weltweit sowie das Management führender Biopharma-Unternehmen.

Ein neuer Standard beim kleinzelligen Lungenkrebs
Die herausragende Präsentation kam von Amgen. Der kleinzellige Lungenkrebs gehört zu den aggressivsten Formen von Lungenkrebs, und Fortschritte waren über Jahrzehnte selten. In der Phase-III-Studie DeLLphi-305 kombinierte Amgen seinen T-Zell-Engager Imdelltra (Tarlatamab) mit Imfinzi von AstraZeneca als Maintenance-Therapie in der Frontlinie. Die Kombination verlängerte das mediane Gesamtüberleben von 12.7 auf 21.1 Monate und senkte das Sterberisiko um 58%. Die Präsentation wurde mit stehenden Ovationen gefeiert. Die Ärzte, die wir trafen, waren begeistert: Der Nutzen übertraf ihre Erwartungen deutlich. Sie bezeichneten Tarlatamab als einen der grössten Fortschritte, die sie bei dieser Erkrankung je gesehen haben, und wollen es umgehend in ihrer Praxis einsetzen.

Ein Meilenstein für personalisierte Krebsimpfstoffe
Mit grosser Spannung erwartet wurde eine der wichtigsten Präsentationen des Kongresses, mit der das erste Presidential Symposium eröffnet wurde. INTerpath-001 von Moderna und Merck & Co war die erste Phase-III-Studie einer individualisierten mRNA-Krebstherapie. Die Therapie, Intismeran Autogene, soll das Immunsystem darauf trainieren, Mutationen zu erkennen, die nur im Tumor des jeweiligen Patienten vorkommen. Nach der Operation eines Melanoms zusätzlich zu Mercks Immuntherapie Keytruda verabreicht, senkte sie das Risiko eines Rückfalls oder Todes um 42%. Nach zwei Jahren waren 82% der Patienten rückfallfrei, verglichen mit 70% unter Keytruda allein. Die Ärzte würdigten das Ergebnis als Meilenstein, die Debatte fiel jedoch verhaltener aus. Sie drehte sich um die aufwendige Herstellung, die noch nicht ausgereiften Überlebensdaten und den zunehmenden Einsatz von Immuntherapie vor der Operation. Der nächste grosse Test ist, ob der Ansatz auch über das Melanom hinaus funktioniert. Als Nächstes werden Daten zum Nierenkrebs erwartet.

ADCs rücken an die Frontlinie
Die Erfolgsgeschichte der Antikörper-Wirkstoff-Konjugate (ADCs) von ASCO setzte sich in Madrid fort. Die Studie OptiTROP-Lung06 untersuchte Lungenkrebspatienten in der Frontlinie, deren Tumoren kein PD-L1 exprimieren, also jene Gruppe, die von einer Immuntherapie allein am wenigsten profitiert. Bei ihnen ersetzte Sacituzumab Tirumotecan (sac-TMT) von Merck und Kelun in Kombination mit Keytruda die Chemotherapie. Die Kombination hat das mediane progressionsfreie Überleben mehr als verdoppelt (15.0 gegenüber 5.7 Monaten). TroFuse-005, die erste globale Phase-III-Studie des Medikaments, zeigte einen Überlebensvorteil beim Endometriumkarzinom. Das bestärkte die Ärzte, die wir trafen, in ihrer Einschätzung, dass die früheren, nur in China erhobenen Daten glaubwürdig sind. AstraZeneca präsentierte zudem ein gegen Claudin 18.2 gerichtetes ADC, das das mediane Überleben bei Magenkrebs in späteren Therapielinien verdoppelte.

Der nächste Schritt ist die Kombination von ADCs mit den neuen bispezifischen PD-(L)1/VEGF-Antikörpern. Pumitamig von BioNTech zeigte eine vielversprechende Wirkung bei Lungenkrebspatienten, deren Erkrankung unter einer Immuntherapie fortgeschritten war. Das Management erklärte uns, dass sich das Unternehmen darauf konzentriert, Pumitamig mit eigenen und externen ADCs zu kombinieren. Merck nutzte seine Investorenveranstaltung in Madrid, um dieselbe Ambition zu unterstreichen. Das Unternehmen kündigte Phase-III-Studien bei Lungenkrebs an, die sac-TMT mit seinem eigenen bispezifischen PD-1/VEGF-Antikörper kombinieren und in der ersten Hälfte des Jahres 2027 starten sollen.

RAS: Vom Durchbruch in die Praxis
Die RAS-Hemmung war erneut eines der meistdiskutierten Themen in Madrid. Bei ASCO im Juni erhielt die Studie RASolute 302 von Revolution Medicines zum Bauchspeicheldrüsenkrebs stehende Ovationen. Seither hat die FDA Daraxonrasib (Rasonque) als ersten RAS-Hemmer gegen Bauchspeicheldrüsenkrebs zugelassen, Monate früher als geplant. In Madrid bestätigten neue Analysen, dass der Überlebensvorteil breit über die Patienten hinweg besteht, und die Begeisterung der Ärzte war deutlich spürbar. Ärzte berichteten von einer raschen Aufnahme in der klinischen Praxis. Einige wenige setzen das Medikament bereits off-label bei Lungenkrebs ein, noch bevor Phase-III-Daten vorliegen. 

Innovation verlängert Leben
Insgesamt zeigte der ESMO-Kongress 2026 eine Branche in einer äusserst produktiven Innovationsphase. Wirkstoffklassen, die noch vor wenigen Jahren experimentell waren, verlängern heute das Überleben und rücken in frühere Therapielinien vor, wo mehr Patienten länger davon profitieren können. Dazu gehören T-Zell-Engager, ADCs, RAS-Hemmer und personalisierte mRNA-Therapien. Für Patienten bedeutet das echte Fortschritte bei einigen der am schwersten behandelbaren Krebsarten. Für Investoren bedeutet es ein breites und wachsendes Spektrum an neuen Wachstumstreibern, die den Sektor über die anstehenden Patentabläufe hinweg tragen. Aus unserer Sicht stützt dies einen soliden langfristigen Ausblick für die Onkologie und für die Biopharma-Branche insgesamt.